Der Nachmittag war friedlich. Einer jener frühen Märztage, an denen es tagsüber schon überraschend warm ist, während nachts noch Frost herrscht. Stehende Gewässer, auch der Neue See im Berliner Tiergarten, waren noch von einer festen Eisdecke bedeckt. Sie trug vielleicht keine Menschen mehr, doch die Schwäne nutzten sie weiterhin als Laufsteg – beobachtet von den nachmittäglichen Flaneuren im Park und auch von mir.
Ich war auf dem Weg, nach den Habichten und Kolkraben im Tiergarten zu schauen. Doch wenn sich eine Bachstelze vor mir auf der Wiese platziert und possierlich posiert, gehe ich nicht einfach weiter. Dann folgt eine ausgiebige Fotosession. Sie war so zutraulich, wie es nur Stadttiere sein können – längst an die Nähe des Menschen gewöhnt und kaum noch scheu.Plötzlich wird es laut. Eine Verfolgungsjagd. Zwei Schwäne rennen über die Wiese, durch die Menschen hindurch – und direkt durch mein Bild. Wie ein Muskelprotz wirkt der Schwan, dessen Rückansicht ich da sehe: breit, kraftvoll, überraschend schnell. Mit ihm würde ich mich lieber nicht anlegen. Die kleine Bachstelze bleibt davon unbeeindruckt, sitzt weiter im Gras und sucht auf der Frühlingswiese nach Würmern und Käfern.




Währenddessen geht das Drama auf dem inzwischen eisfreien Landwehrkanal weiter. Wie ich in meinem Beitrag zu den Singschwänen bereits geschrieben habe, sind Höckerschwäne extrem territorial und dulden keine Rivalen in ihrem Revier. Der Winter, in dem sich viele Wasservögel die wenigen eisfreien Stellen noch mehr oder weniger friedlich geteilt haben, ist vorbei. Mit dem Frühjahr beginnt wieder die Zeit, in der Höckerschwäne ihr Brutrevier verteidigen – in manchen Fällen bis auf den Tod.

Ganz so lebensbedrohlich waren die Szenen, die wir nachmittäglichen Parkbesucher erlebten, dann doch nicht. Doch der Schwan, der eben noch über den vereisten Neuen See zum Landwehrkanal gewatschelt war, hatte den Zorn der Revierinhaber auf sich gezogen. Immer wieder wurde er über das Wasser gejagt, in die Enge getrieben und mit kräftigen Schnabelhieben attackiert. Auch an Land setzte sich die Verfolgung fort – vorbei an stehenbleibenden Spaziergängern, die lachten, ihre Handys hoben und das Schauspiel bereitwillig festhielten.




