Dr. rer. nat., leider depressiv!

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Dr. rer. nat., leider depressiv, Entwurf, Bleistift, Skizzenbuch A5, 02.11.2017

 

Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, in einem Sozialstaat, und wer in soziale Bedrängnis gerät, erfährt selbstredend Hilfe. So sollte es sein. Und viele von uns glauben auch daran, dass dem so ist. Niemand müsse auf der Straße schlafen, niemand müsse hungern in unserem reichen Lande. Als ein schwankender Obdachloser von zwei Polizisten aus der Bahn geführt wird (sehr höflich wohlgemerkt), doziert eines der jungen ausgehfein herausgeputzten Mädchen verächtlich vor ihren Freundinnen: „Der muss hier nicht so sitzen. Der soll sich Hilfe suchen. Es gibt Stellen, an die der sich wenden kann, da wird ihm geholfen.“

Ich bin unschlüssig. Soll ich mich ärgern über diese dumme Ignoranz der grauen Realität gegenüber? Oder soll ich mich freuen für das junge Ding, sie beneiden um ihre Naivität und Blauäugigkeit? Schließlich bedeutet es doch ein Gefühl von Sicherheit und Wärme zu wissen, dass man in Notsituationen Unterstützung erfahren würde.

Ich selbst habe immer geahnt, gewusst, dass es genug traurige Gründe gibt, warum Menschen ihre Wohnung verlieren.  Auch und sogar in unserem reichen Land. Aber dass das soziale Netz derartig löchrig ist und alle jene hindurchgleiten, die aus dem Schema fallen, nach welchem das Sozialgesetzbuch gestrickt ist, hätte ich nicht im Traum geahnt. Die Würde des Menschen ist dehnbar. Ich möchte gerne schreien, laut aufschreien über die Ungerechtigkeit. Unwürdigkeit. Erniedrigung. Und morgen aufwachen in einer wärmeren Welt.

Autor: Ines Udelnow

Portraitzeichnungen, Zeichnungen aus der Natur und Naturfotografie

12 thoughts

  1. Ja, ich schreib ab und an mehr, als ich sagen wollte. Aber dieses Thema kann man ja auch schlecht kurz und knapp abhandeln, sage ich mir dann auch immer, aber dann vergess Ich wieder etwas ganz Wesentliches, merk es aber erst zu spät, und dann, dann habe ich wieder den Salat, ich schreib noch was hinzu. Passiert mir oft. Aber egal. Du hast wieder einen wunderbaren Text verfasst, der zum Nachdenken und zum selber tätig werden animiert. Lieber Gruss

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  2. Ihr habt alle so Recht! Im Fall des Menschen, dem ich auch etwas zu essen kaufte, lag dieselbe erschütternde Tragik. Er lag zusammengekauert auf der Erde und Leute gingen vorbei. Aber dieser Mensch hatte einen wachen Verstand
    unterhielt mich mit ihm und brachte ihn in Sicherheit, wo er zumindest die Nacht verbringen könnte. Er erzählte mir, das er seit wenigen Tagen in dieser Lage sei. Für gewöhnlich habe ich Berührungsängste, aber ich musste ihm helfen. Hab wieder zu viel geschrieben, sorry Liebe Agnes. Aber das ist mir wichtig

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  3. Es gibt Hilfe, aber es ist ein zäher Kampf mit Behörden und Institutionen, ein Kompetenzgerangel, ein Hin- und Hergeschiebe, um möglichst einen anderen Kostenträger zu bemühen. Die wenigsten haben den Geist, die Nerven, die Geduld, die Zähigkeit, die Hoffnung und die Zuversicht, sich mit all dem auseinander zu setzen. Psychische- und Suchterkrankungen stehen dem im Wege.

    Es braucht mehr Behörden-kundige Streetworker, die die Rechte der Betroffenen kennen (mitgeteilt werden die in der Regel ja nicht) und durchzusetzen wissen.

    Grüße & einen guten Morgen Dir.

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    1. zäher Kampf, Hin- und Hergeschiebe, Behördenpingpong. Da stimme ich Dir zu. ES braucht mehr Behördenkundige Streetworker: auch dem stimme ich Dir voll zu. Dem sozialen Dschungel sind aber leider auch „Gesunde“ nicht immer gewachsen und die Sozialgerichte, die es dann entscheiden müssen weil A und B bockig sind, sind hoffnungslos überlastet. In dem Fall, den ich im Auge und in der Seele habe, erhält die Betroffene seit einem Jahr keinen Pfennig Unterstützung mehr, Behörde A und B fühlen sich im Recht, inzwischen zwei Anwälte sind ratlos und wohl auch nicht hochmotiviert. Sie erwarten ja auch nicht täglich die Wohnungskündigung wegen Zahlungsverzugs und wissen, wovon sie sich auch morgen noch etwas zu essen kaufen werden.

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  4. Hallo Agnes. Es ist schrecklich,
    ich weiss. Da liegen diese armen Seelen auf der Parkbank und keiner hilft. Und das Deprimierende ist, dass sie dieses Leben, in das sie das Schicksal warf, jetzt vor aller Augen leben müssen. Viele von ihnen hatten sicher mal ein Leben. Würdelos, verächtlich beäugt und kaltschnäuzig kommentiert von Vorbeilaufenden. Ich habe einmal so einem Menschen geholfen. Mit ihm gesprochen und Spazieren gegangen. Er blühte kurz auf. Und seine Dankbarkeit, die er mir entgegenbrachte, war unbeschreiblich. Wir sollten alle etwas dazu beitragen, denn schnell kann es auch solche treffen, die sich heute davon noch keine Vorstellungen machen. Liebe Grüsse Jochen

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