Zaungäste. Zu Friedenszeiten

Wer treibt sich da bitte vor meinem Garten herum?, scheint der kleine Star zu fragen. Du frecher Erpel!, hier wird für mich gefüttert und nicht für dich. Troll dich also.

Unverrichteter Dinge zieht Herr Erpel ab. Seine Dame hat das ganze Geschehen aufmerksam verfolgt – wohlweislich aus einiger Entfernung. Nun raunt sie dem Gatten zu: Hab‘ ich’s dir doch gesagt, lass uns gehen. Ich mag den Ort hier nicht. Währenddessen hat ihr Mann einen weiteren Zaungast entdeckt – die Fotografin. Was guckst du so! Hast du nichts besseres zu tun als uns auszuspionieren? Schäm dich!, flappst er sie an.

Die Fotografin geht weiter. Reue aber zeigt sie nicht. Vielmehr muss sie über diese kleine Szene sogar ein kleines bisschen lächeln, obwohl sie todtraurig ist. Vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden hat sie ihrer Mutter die Hand gehalten, als diese starb. Sie hatte sich trotzdem zu diesem kleinen Spaziergang entschlossen, um in ihrer Trauer nicht zu versinken. Sie war auf dem Weg zum Sowjetischen Ehrendenkmal in der Schönholzer Heide, jenen Menschen zu gedenken, denen es zu verdanken war, dass ihre Mutter ihr gesamtes Leben in Friedenszeiten verbringen konnte. Was ihr eigenes, künftiges Leben betraf, und das ihrer Kinder, so hofft sie auf ebensolches Glück. Aber wer kann sich da sicher sein?

Es ist der 8. Mai 2020.

Autor: Leinwandartistin

Im Umbruch. Mit Pinsel, Zeichenstift und Fotoapparat auf der Suche nach mir selbst und einem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

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