Schwanentheater. Singschwäne im Nationalpark Unteres Odertal


Wenn Schwäne fliegen, hört man sie oft schon, bevor man sie sieht. Die bei uns ganzjährig ansässigen Höckerschwäne fallen durch das laute, metallisch wirkende Geräusch ihrer Flügel auf. Singschwäne dagegen verraten sich durch klare, fast trompetenartige Rufe. Sie sind bei uns nur im Winter zu Gast, wenn weiter nördlich Seen und Flüsse zufrieren. Für ein ungeübtes Auge sind sie auf den ersten Blick kaum von ihren hier heimischen Verwandten zu unterscheiden. Höckerschwäne tragen auf ihrem orangeroten Schnabel einen ausgeprägten schwarzen Höcker. Im Wasser bilden sie mit ihren Hälsen oft diesen eleganten Bogen; ihre Körpersilhouette erinnert dann an eine schwungvoll gezeichnete Zwei. Der Schnabel der Singschwäne ist dagegen gelb mit schwarzen Partien und ohne Höcker, den Hals tragen sie beim Schwimmen oft aufrecht wie eine gerade Säule.

Zwei Singschwäne, fliegend, vor blauem Himmel
Singschwäne im Flug
Singschwan im Wasser
Singschwan
Höckerschwan

Der Nationalpark Unteres Odertal gilt als eines der wichtigsten Winterquartiere für Singschwäne in Mitteleuropa. Von Berlin aus ist er gut zu erreichen – nicht nur mit dem Auto, sondern auch bequem mit Regionalbahn und Bus. Die Nationalparklinie 468 fährt stündlich von Angermünde oder Schwedt aus bis fast vor die Haustür dieses faszinierenden Landschaftsgebietes. Auch in diesem Jahr gönne ich mir wieder ein Abo des Deutschlandtickets. Berlin bietet Menschen mit offenem Blick und Herz für die Vielfalt der Natur viele schöne Ecken, und besonders für Vogelfreunde kommt hier keine Langeweile auf. Doch der Lärm der Straßen ist allgegenwärtig, und wirkliche Ruhe und inneren Frieden finde ich erst, wenn ich die Tore der Stadt hinter mir gelassen habe.

Schon an der Bushaltestelle in Criewen überkommt mich ein Gefühl des tiefen Glücks. Hier befindet sich zwar auch das Besucherzentrum des Nationalparks, doch mich zieht es sofort hinaus in die Deichlandschaft. Von hier aus lässt es sich kilometerweit gehen und über die großen Polderflächen blicken, die bei hohem Wasserstand der Oder überflutet werden können – ein wahres Naturparadies.

Landschaft im Nationalpark Unteres Odertal im Februar bei Abendlicht
Zwei Rehe und ein Fasan auf den Wiesenflächen im Nationalpark Unteres Odertal
Morgendliche Nebelstimmung über dem Nationalpark Unteres Odertal
Morgendliche Nebelstimmung über dem Nationalpark Unteres Odertal
Vollmond über dem Nationalpark Unteres Odertal
Vollmond, orange, Gänse ziehen am Himmel
Vollmond über dem Nationalpark Unteres Odertal

Um Singschwäne in großer Zahl zu beobachten, bin ich in diesem Jahr zwar etwas zu spät gekommen. Ich hatte mich daher darauf eingestellt, vor allem verschiedene Enten- und Gänsearten zu sehen, dazu Kormorane und Möwen.

Doch dann raschelt es dort hinten im Schilf. Tatsächlich kommt ein Singschwan aus dem dichten Röhricht gewatschelt und gleitet ins Wasser. Nur wenige Minuten später habe ich ein Gefühl von Déjà-vu: Aus dem gleichen Schilfdickicht erscheint ein zweiter, nahezu identisch aussehender Singschwan und folgt dem ersten ins Wasser. Eine Weile erfreue ich mich am Anblick der beiden.

Dann taucht ein dritter Schwan auf – diesmal jedoch kein Singschwan, sondern ein Höckerschwan. Höckerschwäne sind für ihr territoriales Verhalten bekannt, und auch dieser scheint den beiden anderen Schwänen zeigen zu wollen, wer hier der Herr des Gewässers ist. Er reckt den Hals nach hinten, plustert die Flügel auf. Fast verschwindet sein Kopf hinter den Flügeln und ist kaum noch zu sehen. Dann gleitet er plötzlich auf einen der beiden Singschwäne zu, geht in den Angriffsmodus und scheucht den vermeintlichen Rivalen über das Wasser, bis dieser sich auf eine kleine erhöhte Stelle im Wasser rettet.

Solche Revierkämpfe unter Schwänen können zuweilen mit Verletzungen oder sogar dem Tod des Unterlegenen enden. Doch hier genügt eine kurze Machtdemonstration des Höckerschwans, um die Rangordnung auf dem See zu klären. Der Singschwan breitet seine Flügel aus. Wäre er ein Mensch, könnte man die Geste fast als Beschwichtigung verstehen: Alles gut, ich habe gar nicht vor, dir deinen Platz streitig zu machen. Kurz darauf sitzen alle drei Schwäne friedlich beieinander.

In Berlin, am Landwehrkanal, konnte ich erst vergangene Woche ebenfalls Revierkämpfe unter Höckerschwänen beobachten. Doch das ist eine andere Geschichte.

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